Albanien eröffnet ESC-Saison 2021

Wie lässt sich mitten in der Pandemie ein Musikfestival feiern, ohne in aufgesetzte Zuversichtlichkeit oder – noch schlimmer – zwanghafte Tränendrüsigkeit zu verfallen? Schon Anfang Juli war klar, dass das albanische Fernsehen nicht auf sein traditionsreiches Festivali i Këngës verzichten würde, doch wie sollte die dreitägige Veranstaltung ohne Publikum und Liveorchester aussehen? Eine bescheidene Studioproduktion vor Greenscreen, unterbrochen von schwarz-weißen Einspielern, die in Zeitlupe herzerwärmende Bilder aus dem albanischen Corona-Alltag zeigen?


Düstere Endzeitstimmung

Weit gefehlt! Die schwierige Situation setzte beim Sender RTVSH ein so gewaltiges kreatives Potenzial frei, dass treue Festival-Zuschauer die Show kaum wiedererkannten. Nicht nur, dass zur Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln eine monumentale Freilichtbühne auf dem Sheshi Italia, einem Platz im Süden der Hauptstadt Tirana, errichtet wurde. Die Eingangssequenz mit leergefegten europäischen Innenstädten und marschierenden Tänzern, deren Mundschutz an mittelalterliche Pestmasken erinnerte, setzte den Grundton der Veranstaltung: Die Zeiten sind düster – machen wir das Beste daraus.


Je kälter desto flotter

So langatmig das Festival in der Vergangenheit manchmal gewesen sein mag – so straff und unterhaltsam wurden die Beiträge an den drei Abenden vorgestellt. Das lag zum einen daran, dass die Auftritte in den beiden Semifinalrunden voraufgezeichnet waren. Den zweiten Grund verrieten weiße Atemwolken, die aus den Mündern der Interpreten und Moderatoren aufstiegen: In Tirana kann es unter freiem Himmel um diese Jahreszeit ziemlich kalt werden … Zur Kurzweiligkeit trug allerdings auch die kontrastreiche Musikmischung bei, die optisch ansprechend umgesetzt wurde und am zweiten Abend mit Akustik-Versionen einen besonderen Reiz entfaltete.


„Karma“ gewinnt Stimmen der Jury

Neben Fan-Liebling Era Rusi, die sich als albanische Eleni Foureira versuchte und Cerbul-de-Aur-Gewinnerin Inis Neziri zählte auch der exzentrische Sänger Mirud zum engeren Favoritenkreis. Sie alle konnten am Ende allerdings nichts gegen die festivalerfahrene Anxhela Peristeri ausrichten: Mit ihrer rhythmischen Ethno-Nummer „Karma“ von Kledi Bahiti und Olti Curri konnte sie die Stimmen der insgesamt sieben Juroren für sich gewinnen – nicht zuletzt aufgrund ihrer hervorragenden vokalen Fähigkeiten. Ob die in Rotterdam alleine für eine Qualifikation reichen werden, bleibt abzuwarten. Musikalisch zumindest deutet bei „Karma“ bislang nichts auf ein Leben nach dem Semi hin.

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Dr. Irving Benoît Wolther

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