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Soll Israel am Eurovision Song Contest in Malmö teilnehmen?

„Ich habe einen offenen Brief an die EBU unterzeichnet.“ Mit diesen knappen Worten hat Sänger Ben Dolic, der 2020 mit dem Song „Violent Thing“ für Deutschland beim Eurovision Song Contest in Rotterdam an den Start gehen sollte und wegen der Corona-Pandemie nie die Chance dazu bekam, auf der Plattform X (ehemals Twitter) erklärt, dass er einen Ausschluss Israels vom Eurovision Song Contest in Malmö befürwortet. In dem Wortlaut des offenen Briefs, dem sich auf Instagram zuvor schon die australische Sängerin Montaigne angeschlossen hatte, heißt es: „Als Künstler, ehemaliger ESC-Teilnehmer und als Mensch werde ich die Entscheidung der EBU nicht unterstützen, einen Staat, der so viele Gräueltaten an Zehntausenden von Zivilisten begangen hat, am Eurovision Song Contest teilnehmen zu lassen.“ Davor hatte Dolic in seinen Tweets bereits mehrfach Stellung gegen Israel bezogen.


ESC-Künstler schließen sich offenem Brief an


Israel-spezifisches Eurovisionslogo
Israel nimmt seit 1973 am Eurovision Song Contest teil

Urheberin des offenen Briefs ist die US-amerikanische Transperson Beatrice Quinn, die unter ihrem ursprünglichen Namen Benny James die Musik für diverse TV-Serien und Videospiele komponiert hat. Sie beruft sich dabei auf einen Aufruf der kanadischen Sängerin La Zarra, die sich auf ihrem Instagram-Account gegen eine Teilnahme Israels ausgesprochen hatte und den ESC als einen politischen Wettbewerb bezeichnete, bei dem die Künstlerinnen und Künstler Angst hätten, sich frei zu äußern. Auch die isländische Sängerin Silvía Night hat sich auf ihrem privaten Instagram-Account dem offenen Brief angeschlossen, ebenso wie die bekanntermaßen pro-palästinensische Band Hatari, die wegen des Hochhaltens eines Palästina-Banners während der Punktevergabe beim ESC 2019 in Tel Aviv von der EBU mit einer Geldstrafe belegt worden war.


Boykottaufrufe aus Island, Finnland, Irland …


Quinn verbreitet ihren Aufruf auf einer Reihe eigens eingerichteter ESC-Kanäle unter dem Namen „Euroquision“ und fordert Fans und Künstler dazu auf, die EBU mit E-Mails zu bombardieren, um einen Ausschluss Israels vom Song Contest zu erwirken. Allerdings ist sie beileibe nicht die Einzige, die zum Ausschluss Israels vom Eurovision Song Contest aufruft. Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler aus Finnland haben sich nach Auskunft von Euronews einem Aufruf des isländischen Komponisten- und Texterverbandes angeschlossen, den ESC zu boykottieren, falls Israel am Wettbewerb in Malmö teilnehmen sollte – darunter auch Axel Ehnström, bei den Fans besser bekannt als Paradise Oskar. Auch in Irland fand eine solche Petition mehr als 3000 Unterstützer, wie die Tageszeitung Irish Examiner berichtet.


… und Schweden


Selbst im Gastgeberland Schweden haben mehr als 1000 Künstlerinnen und Künstler einen offenen Brief an die EBU unterzeichnet, in dem sie den Ausschluss Israels vom Wettbewerb in Malmö forderten – darunter nicht nur bekannte ESC-Veteranen wie Greta Thunbergs Mutter Malena Ernman und Eric Saade, der selbst palästinensische Wurzeln hat, sondern mit dem HipHop-Duo Medina und Sängerin Jacqlin Moss auch Teilnehmer*innen des diesjährigen Melodifestivals. In der Folge sah sich der schwedische Sender SVT dazu gezwungen, in einer Pressemitteilung seiner Sorge über die Entwicklungen Ausdruck zu verleihen, nachdem die EBU diverse Rückfragen von Tageszeitungen zu einem möglichen Ausschluss Israels vom Wettbewerb zuvor schon mit einer standardisierten Stellungnahme beantwortet hatte, erst wenige Tage zuvor gegenüber dem schwedischen Aftonbladet.


Ein Wettbewerb für Rundfunkanstalten – nicht für Regierungen


In dem EBU-Statement heißt es: „Der Eurovision Song Contest ist ein Wettbewerb zwischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten aus ganz Europa und dem Nahen Osten, die Mitglieder der Europäischen Rundfunkunion (EBU) sind. Es ist ein Wettbewerb für Rundfunkanstalten – nicht für Regierungen – und der israelische Rundfunk nimmt seit 50 Jahren daran teil.“ Dabei musste die EBU ihrem israelischen Mitglied in der Vergangenheit schon gegen die eigene Regierung zur Seite stehen, als Benjamin Netanjahu durch einen Umbau des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems versuchte, missliebige Kritik an seiner Politik im Staatsfernsehen zu unterbinden. Die Israeli Broadcasting Authority hatte zuvor immer wieder Beiträge ins Rennen geschickt, die zu Frieden und Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern aufriefen, zuletzt 2009 mit Noa & Mira Awad.


Umstrittenes Vorentscheidungsformat


Problematisch ist dabei, dass die Auswahl der israelischen Kandidaten gar nicht mehr in der Hand des IBA-Nachfolgesenders KAN liegt, der auch den ESC überträgt, sondern im Rahmen der Castingshow „HaKokhav HaBa“ durch den privaten Sender Keshet 12 erfolgt. Nachdem die Sendung als „politisches Werkzeug zur Verherrlichung von militärischem Vorgehen“ missbraucht werde, wie das ESC-Nachrichtenportal Eurovoix kritisiert, weigern sich zahlreiche Fanseiten, näher über das Vorentscheidungsformat zu berichten. Für die EBU ergibt sich daraus allerdings kein Grund, die Solidarität mit ihrem Mitglied KAN aufzugeben. Nur wenn der von KAN ins Rennen geschickte Kandidat bzw. die Kandidatin mit seinem/ihrem Beitrag gegen die Regeln des ESC (wie das politische Neutralitätsgebot) verstieße, hätte sie einen Anlass, die israelische Teilnahme in Frage zu stellen.


Präzendenzfall Russland


Dagegen wird von vielen Kritiker*innen das Beispiel Russland angeführt: 2022 hatte die EBU sich nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine dazu durchgerungen, ihrem russischen Mitglied VGTRK die Teilnahme am ESC in Turin zu verwehren, weil „die Zulassung eines russischen Beitrags den Wettbewerb in Verruf“ gebracht hätte. Mit gleichem Recht sehen nun die Kritiker des israelischen Militäreinsatzes in Gaza einen Ausschluss Israels als angemessen. Der entscheidende Unterschied zum Fall Russland liegt allerdings darin, dass der Angriff auf die Ukraine von vielen Ländern als völkerrechtswidrig eingestuft wurde, da er ohne konkreten Anlass erfolgte. Auslöser für den Krieg in Gaza war dagegen der Überfall der Hamas vom 7. Oktober mit etwa 1 200 getöteten israelischen Zivilisten und etwa 240 verschleppten Geiseln. Entsprechend hat auch – anders als nach dem russischen Einmarsch in die Ostukraine – bislang kein anderer Mitgliedssender erklärt, dem ESC fernbleiben zu wollen, wenn Israel daran teilnehmen sollte.


Gedenken der Toten auf beiden Seiten


Auch die von Südafrika angestrengte Klage gegen Israel beim Internationalen Gerichtshof wegen angeblichen Völkermords dürfte daran so schnell nichts ändern, da der IGH Israel nicht zu einer Beendigung des Militäreinsatzes in Gaza verpflichtet hat und sich das Verfahren in der Hauptsache noch über Jahre hinziehen dürfte. Natürlich darf man sich die Frage stellen, ob die Teilnahme Israels an einer internationalen Unterhaltungsshow wie dem ESC in der aktuellen Situation angemessen ist. Doch bei allen Henne-Ei-Diskussionen, wer für den Nahost-Konflikt die eigentliche Verantwortung trägt, sollten das Entsetzen nach dem schrecklichen Massaker der Hamas vom 7. Oktober und das Mitleid mit den vielen zivilen Opfern der israelischen Militäroffensive in Gaza einander nicht ausschließen. Auf den Seiten der „Israel-raus“-Rufer sucht man mitfühlende Worte mit den ermordeten israelischen Zivilisten meist vergebens. Ihr Anliegen wäre glaubwürdiger, wenn sie der unschuldigen Toten auf beiden Seiten gedenken würden.


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