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Große Frauen beim Eurovision Song Contest: Annie M. G. Schmidt

Aktualisiert: 31. Okt. 2023

Der Eurovision Song Contest (ESC) ist ein jährliches Musikspektakel, bei dem die Vielfalt im Vordergrund steht. In seinen Anfängen war der ESC allerdings gar nicht so vielfältig, sondern – zumindest was Komposition und Text angeht – fast völlig von Männern dominiert. Umso bemerkenswerter ist es, dass der allererste Beitrag zu diesem Traditionswettbewerb aus der Feder einer Frau stammt: Die niederländische Dichterin, Journalistin und Kinderbuchautorin Annie M. G. Schmidt verfasste den Text zu De Vogels van Holland, mit dem Sängerin Jetty Paerl den Wettbewerb 1956 in Lugano eröffnete. Dass Schmidt in den Niederlanden zu einer Legende geworden ist, verdankt sie jedoch ihrer schriftstellerischen Arbeit.

Frau blickt freundlich nach links
Annie M. G. Schmidt beim Eurovision Song Contest 1956 (KI-Kreation)

Eine Frau mit eigenem Kopf

Annie M. G. Schmidt wurde 1911 in den Niederlanden geboren und wuchs in einer Zeit auf, in der Frauen in der Literatur und der Unterhaltungsbranche nur wenig zu melden hatten. Dank der Förderung ihrer Mutter, die sie sehr früh lesen und schreiben lehrte, entwickelte sie schnell ein beeindruckendes Schreibtalent, das sie zur gedanklichen Flucht aus dem Alltag nutzte, denn sie war schon früh auf sehr starke Brillengläser angewiesen und wurde deswegen oft gehänselt. Während des Krieges arbeitete sie als Bibliothekarin in Middelburg und zeigte schon da Courage, als sie sich weigerte, das von den Nazis angeordnete Schild „Für Juden verboten“ im Lesesaal anzubringen. Nach dem Krieg begann sie dann, als Journalistin für die Tageszeitung „Het Parool“ zu arbeiten und machte mit einigen Kollegen gemeinsam Kabarett.


Durchbruch mit Kinderbüchern

Zu einer der bekanntesten und beliebtesten Schriftstellerinnen der Niederlande wurde Schmidt jedoch durch ihre Kinderbücher. 1950 erschien ihr erstes Werk „Het Fluitketeltje“ (Das Flötenkesselchen), und die Kinderbücher „Die geheimnisvolle Minusch“, „Heiner und Hanni“, „Wiplala“ oder „Der fliegende Fahrstuhl“ waren damals auch in vielen deutschen Kinderzimmern zu finden. Doch Schmidt war ein Multitalent und verfasste parallel auch Gedichte, Theaterstücke und Songtexte, die bis heute fester Bestandteil der niederländischen Kultur sind – darunter auch das bereits erwähnte „De Vogels van Holland“. Schmidt ist auch die erste Autorin, die es wagte, im Drehbuch einer niederländischen Radio-Soap einen Homosexuellen auftreten zu lassen.

De vogels van Holland zijn zo muzikaal Ze willen in hun prille jeugd al tierelieren

Text mit Tiefe

Der erste niederländische Beitrag in der Geschichte des ESC zeugt von Schmidts bemerkenswertem Talent als Texterin, die mit nur wenigen Worten starke Bilder im Kopf erzeugt. Denn was auf den ersten Blick wie eine harmlose Hymne auf den Gesang der Vögel von Holland daherkommt, kann als Metapher für die wiedergewonnene Freiheit nach den Schrecken des Krieges gelesen werden, die die Herzen der Menschen (und der Vögel) mit Jubel und Freude erfüllt. Insofern legt Annie M. G. Schmidt mit ihrem Text den Grundstein für die völkerverbindende Funktion des Eurovision Song Contests, denn die Vögel von Holland (und von vielen anderen Ländern auch) singen ihr Lied von Freiheit bis heute.


Vorbild für Frauen

Mit ihrer unermüdlichen Arbeit und ihrem Erfolg wurde Annie M. G. Schmidt zu einer Inspiration für viele Frauen, die in einer von Männern dominierten Kulturszene Fuß fassen wollten. Ihre Arbeiten wurden mit Preisen überhäuft, unter anderem mit dem Staatspreis für Kinderliteratur. Außerdem wurden ihre Werke in den offiziellen Unterrichtskanon der Niederlande aufgenommen, werden also bis heute in der Schule gelesen. 1988 erhielt sie aus den Händen von Astrid Lindgren den Hans-Christian-Andersen-Preis, der als Nobelpreis für Kinderliteratur gilt. Schmidt ermutigte viele Frauen, ihre kreativen Talente zu nutzen und sich in einer Welt, die oft von Männern dominiert wird, Gehör zu verschaffen.


Selbstbestimmt bis in den Tod

Nachdem sie ihrem schwer depressiven Mann 1981 bei seinem Selbstmord mit Schlaftabletten bis zum Schluss die Hand hielt, reifte in ihr der Entschluss, selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden. Als sie durch eine Makuladegeneration nach und nach ihr Augenlicht verliert und ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Lesen und Kreuzworträtsel lösen, nicht mehr nachgehen kann, beschließt sie 1995, ihrem Leben einen Tag nach ihrem 84. Geburtstag selbst ein Ende zu setzen. Damit stößt sie in der niederländischen Gesellschaft eine Diskussion über Sterbehilfe an.


Der erste niederländische ESC-Beitrag, für den Annie M. G. Schmidt den Text schrieb, mag in der Geschichte des Wettbewerbs oft übersehen werden, aber er markiert einen bedeutenden Moment in der Geschichte der weiblichen Autoren beim Eurovision Song Contest. Annie M. G. Schmidt war eine Pionierin, die gezeigt hat, dass Frauen in der Lage sind, die Musikwelt mit ihren Worten zu verändern, und sie wird für immer als Vorbild und Inspiration in Erinnerung bleiben.

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