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Gute Bücher – schlechte Bücher zum Eurovision Song Contest

Zwei sehr unterschiedliche Publikationen zum 70. ESC-Jubiläum


70 Jahre Eurovision Song Contest – das bedeutet natürlich auch: Jubiläumsbücher, Bildbände mit mehr oder weniger spektakulären Fotografien, nostalgische Rückblicke, kuriose Anekdoten und der ewige Wettlauf um das „ultimative“ Werk über Europas größte Fernsehshow. Zwei Neuerscheinungen könnten dabei unterschiedlicher nicht sein. Und selten fiel mir ein Vergleich so leicht wie zwischen dem offiziellen Jubiläumsband von Paul Lang und dem kleinen Taschenbuch von Lukas Heinser.



Buchcover des Jubiläumsbuchs zum 70. Eurovision Song Contest

Beginnen wir mit dem offiziellen Werk: Eurovision Song Contest – 70 Jahre Glitzer, Spaß und magische Momente von Paul Lang. Optisch bietet das Buch zunächst genau das, was ein offizielles ESC-Produkt tun soll: hochwertige Fotos, ein ordentliches Layout, viel Farbe, viel Glamour. Ein klassisches Coffee-Table-Book also, das beim Blättern durchaus Eindruck hinterlässt. Inhaltlich setzt das Buch allerdings eine Tradition fort, die bereits die Jubiläumsbände zum 50. und 60. Geburtstag des Wettbewerbs von John Kennedy O'Connor geprägt hat: der typisch britische Blick auf den Eurovision Song Contest. Und der ist oft erstaunlich eindimensional.


Anstatt die Beiträge in ihrer Bedeutung für die jeweiligen Teilnehmerländer einzuordnen oder spannende kulturelle und politische Hintergründe zu beleuchten, hangelt sich das Buch von Banalität zu Platitüde, von Oberflächlichkeit zu Vorurteil. So heißt es über den Auftritt von Fredi 1967 mit "Varjoon – suojaan": "Er schien extrem erleichtert zu sein, dass er seinen Auftritt bis zum Ende durchgestanden hatte, wobei die Erleichterung der Zuschauer zu Hause wohl noch größer war." Kein Wort davon, dass er in Finnland über 20 Top-10-Hits hatte und fast alle seine Alben Gold- oder Diamantstatus erreichten.


Nicht einmal die Anekdote um den portugiesischen Beitrag "E depois do adeus", der als Aufbruchsignal im Radio der Nelkenrevolution den Weg bereitete, findet in dem Buch Platz. Doch gerade das macht den ESC eigentlich interessant: Dass hinter vielen Beiträgen nationale Debatten, gesellschaftliche Entwicklungen oder medienhistorische Wendepunkte stehen. Davon erfährt man in diesem Buch erstaunlich wenig. Stattdessen dominieren Meinungen und Trivia den Blick auf den Wettbewerb, was den ESC letztlich kleiner wirken lässt, als er tatsächlich ist. Viele Fanclub-Magazine liefern deutlich unterhaltsamere und originellere Fakten zu den einzelnen Jahrgängen.


Nun könnte man argumentieren: Gut, dann ist das eben die britische Perspektive auf den Wettbewerb. Damit könnte man sich durchaus arrangieren – wenn wenigstens die deutsche Übersetzung gelungen wäre. Doch genau daran scheitert die deutsche Ausgabe endgültig. Die Übersetzung wirkt an vielen Stellen unelegant und unidiomatisch, wenn bei "I treni di Tozeur" von einem "wirbelnden üppigen Orchesterarrangement" die Rede ist. Manche Formulierungen lesen sich, als hätte man sie direkt aus einer automatisierten Rohübersetzung übernommen, wie im Kapitel zu 2022, wo es heißt: "Zum ersten Mal gab es in diesem Jahr keine Songs auf Französisch, da Frankreich 'Fulenn' von Alvan & Ahez, einen Beitrag in bretonischer Sprache, ins Rennen schickte, der am Ende den vorletzten Platz belegte." Durch das Kleben am englischen Satzbau wird der ohnehin vergleichsweise informationsarme Text zusätzlich unnötig schwer lesbar.


Natürlich: Als offizielles Jubiläumsbuch gehört der Band irgendwie trotzdem in eine ESC-Sammlung. Dafür sorgen allein schon die vielen Bilder und der Sammlerwert. Aber ganz ehrlich: Hätte ich die rund 26 Euro selbst bezahlt und das Buch nicht geschenkt bekommen, hätte mich dieser Kauf doch ziemlich geärgert.


Ein Eurovision Buch für echte Fans

Buchcover des Jubiläumsbuchs zum 70. Eurovision Song Contest von Lukas Heinser

Wie wohltuend anders wirkt dagegen das kleine Buch „ESC“ von Lukas Heinser mit dem schönen Untertitel Das kleinste Buch zum größten Medienereignis. Schon das Format ist eine Liebeserklärung an den ESC-Alltag. Das Buch passt tatsächlich in jede Jackentasche und eignet sich damit perfekt als Reiselektüre auf dem Weg zum nächsten Eurovision-Event. Vor allem aber beweist Heinser, dass man auch auf knapp 380 Seiten deutlich mehr Substanz unterbringen kann als in manchem großformatigen Bildband.


Das Erstaunliche daran: Selbst langjährige ESC-Beobachter dürften hier noch Neues entdecken. Mehrfach ertappte ich mich beim Lesen dabei, wie ich dachte: „Stimmt, das hatte ich völlig vergessen“ oder sogar: „Davon habe ich noch nie gehört.“ Oder wusste der/die geneigte Leser*in, dass "Im Wartesaal zum großen Glück" von Hannes Wader und Stoppok gecovert wurde?


Vor allem aber merkt man dem Buch die ehrliche Leidenschaft seines Autors an. Keine blinde Fanliebe, sondern eine kritische Begeisterung mit journalistischem Blick für die wirklich spannenden Geschichten hinter dem Wettbewerb. Heinser interessiert sich nicht nur für Sieger und Skandale, sondern für die vielen kleinen absurden, politischen, kulturellen und medialen Momente, die den ESC seit Jahrzehnten zu einem einzigartigen Forschungs- und Unterhaltungskosmos machen.


Genau deshalb dürfte das Buch auch hervorragend bei Menschen funktionieren, die dem ESC eigentlich skeptisch gegenüberstehen. Denn die Geschichten darin sind oft so kurios, überraschend oder schlicht unglaublich, dass sie als geschickt platziertes Partywissen selbst eher gleichgültigen Gästen interessierte Nachfragen entlocken dürften. Bemerkenswert ist außerdem, dass Heinser komplett auf Fotos verzichtet – und dass das überhaupt nicht stört. Das Buch lebt von seinen Geschichten, Beobachtungen und pointierten Formulierungen. Für rund 15 Euro bekommt man hier schlicht ungetrübten Lesegenuss.


Am Ende bleibt deshalb ein ziemlich eindeutiges Fazit: Das offizielle Jubiläumsbuch sieht hervorragend aus (in der Farbgebung sind sich die beiden Bücher sogar recht ähnlich), bleibt inhaltlich aber erstaunlich oberflächlich und leidet zusätzlich unter der schwachen Übersetzung. Lukas Heinsers „ESC“-Büchlein dagegen beweist eindrucksvoll, dass Leidenschaft, gute Recherche und ein kluger Blick auf den Wettbewerb deutlich wichtiger sind als Hochglanzpapier und offizieller Segen.

Oder anders gesagt: Das eine Buch stellt man ins Regal. Das andere liest man tatsächlich.

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