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Black and White Blues ...

Der Eurovision Song Contest 2024 ist schon wieder Geschichte, doch die Gemüter werden wohl noch eine Weile brauchen, um sich zu beruhigen. Im Netz gehen sich die Fans noch immer gegenseitig an die Gurgel, weil sie wahlweise für oder gegen Israel sind, für oder gegen den Sieg von Nemo, für oder gegen die EBU, für oder gegen … das spielt schon fast keine Rolle mehr, denn es geht meist nur um Rechthaberei. Aus den verfügbaren Faktenschnipseln bastelt man sich seine Geschichte, die schon deshalb wahr sein muss, weil sie so gut ins eigene Weltbild passt. Dem neutralen Beobachter graust es angesichts der verbalen Schlachten, die rund um den Wettbewerb in Malmö geführt werden. „United in Music“? Der neue Dauerslogan des Contests spricht der Realität Hohn.


Wer ist schuld?

Doch wer ist schuld an dem ganzen Dilemma? Die böse EBU? Die bösen Israelis? Die bösen Boykottaufrufer? Die böse Community? Nein. Schuld trägt an der Situation niemand – höchstens die Verantwortung. Es lässt sich nämlich nicht immer alles in gut und böse, schwarz und weiß, schuldig und unschuldig unterteilen. Auch die bunte Welt des Eurovision Song Contests besteht in Wirklichkeit aus unendlich vielen Grauschattierungen. Das ist für viele, die gerne mit den Begriffen Ursache und Wirkung operieren, eine schwer erträgliche Erkenntnis. Leichter ist es, sich immer wieder neue Belege für die Richtigkeit der eigenen Meinung zu suchen, um doch noch einen Schuldigen auszumachen. „Everything is black and white …“


Klares Statement

Dafür, dass Künstler, Fans und Journalisten in Malmö nicht das fröhliche Fest feiern konnten wie in der Vergangenheit, tragen weder Israel, noch der israelische Fernsehsender KAN, noch die EBU die Verantwortung, sondern einzig und allein diejenigen, die der Auffassung waren und sind, man könne die Probleme des Nahen Ostens damit lösen, Israel beim ESC zu ignorieren und auszugrenzen. EBU-Generaldirektor Noel Curran hatte bereits im Januar ein klares Statement formuliert, warum die Situation in Israel nicht mit dem Ausschluss der russischen und belarussischen TV-Sender vom Song Contest vergleichbar ist. Dennoch wurde immer wieder das Beispiel Russlands bemüht, um Proteste gegen die israelische Teilnahme zu rechtfertigen. Selbst Thorsten Schorn kolportierte diese Argumentation in seinem Kommentar zum israelischen Beitrag – und wurde dafür heftig kritisiert.


Ist es sinnvoll, Metaphern zu zensieren?

Im Gegenzug war es keine glückliche Entscheidung, den Text des israelischen Beitrags zweimal überarbeiten zu lassen, um jegliche Anspielung auf den Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 daraus zu tilgen. So wurde bei denjenigen, die einer israelischen Teilnahme kritisch gegenüberstehen, zusätzlich der Eindruck geweckt, Israel instrumentalisiere den ESC als politische Bühne. Aber warum soll es politischer sein, in einem Song die Opfer eines Massakers zu betrauern, das das ganze Land traumatisiert hat, als über den Genozid an den Armeniern zu singen („Face the Shadow“) oder über die gewaltsame Umsiedlung der Krimtataren („1944“)? Und überhaupt: Ist es sinnvoll, Metaphern zu zensieren? Wie lässt sich überhaupt objektiv sicherstellen, dass ein bestimmtes Wort nicht doch eine politische Aussage hat?


Einhaltung von Verträgen

Alle Bemühungen, den ESC in einer von politischen Ereignissen dominierten Zeit unpolitisch zu halten, haben offenbar das genaue Gegenteil bewirkt, nämlich die Stimmung zusätzlich angeheizt. Natürlich stand es den teilnehmenden Künstler*innen und Fernsehanstalten frei, eine klare, auch pro-palästinensische Haltung in dem aktuellen Konflikt einzunehmen, doch die Konsequenz, sich ganz aus dem Wettbewerb zurückzuziehen, zogen weder Künstler*innen noch Fernsehanstalten, denn die Nichtteilnahme hätte laut Reglement eine nicht unerhebliche Strafzahlung nach sich gezogen. Der ESC beruht nämlich nicht zuletzt auf der Einhaltung von Verträgen, und der finanzielle Druck mag die eine oder andere Delegation dazu bewogen haben, ihre Haltung anderweitig zum Ausdruck bringen zu wollen als durch einen Rückzug.


Frustration, Argwohn und Angst

So versuchte die irische Teilnehmer*in Bambie Thug, die eigene Überzeugung in Form eines Gesichtstattoos zu kommunizieren, das in altirischer Ogham-Schrift zu „Ceasefire“ – also zu einem Waffenstillstand – aufrief und „Freedom“ – also Freiheit – forderte. Man konnte deutlich erkennen, wie frustriert Bambie war, als selbst diese künstlerisch verfremdete Stellungnahme von der EBU untersagt wurde. Darüber hinaus sahen sich die übrigen Künstler*innen durch die Teilnahme von Eden Golan einer Bedrohung ausgesetzt, mit der sie andernfalls nicht konfrontiert gewesen wären – für einige gewiss ein zusätzlicher Grund, der israelischen Delegation mit Argwohn zu begegnen. Ich gebe zu: Auch ich hatte Angst vor Anschlägen in Malmö, und die gebetsmühlenhaften Berichte zur Sicherheitslage in Malmö trugen gewiss nicht dazu bei, das mulmige Gefühl abzumildern.


Furcht vor Shitstorm und Drohungen

Dass dieses Bedrohung real war, lag aber weder an der israelischen Sängerin noch an dem Sender, der ihren Song ausgesucht hatte, sondern an Menschen, die vielfach damit gedroht hatten, Gewalt gegen die Künstlerin anzuwenden – und gegen alle, die mit ihr gemeinsam auf der Bühne stehen. Der finnische Vorjahres-Zweitplatzierte Käärijä sah sich gezwungen, sich von einem Video zu distanzieren, in dem er mit Eden Golan herumalbert, weil er sich mit einem massiven Shitstorm konfrontiert sah. Schließlich nahm er auch davon Abstand, beim Finale die finnischen Punkte zu verlesen. Ob dies wirklich auf seine politische Überzeugung zurückzuführen war, oder nicht doch auf die Furcht, dass die in den sozialen Netzwerken formulierten Drohungen in die Tat umgesetzt werden könnten, weiß nur der Sänger selbst.



Verhalten wie im Kindergarten

Klar ist allerdings auch, dass viele Künstler*innen sehr deutlich gemacht haben, dass sie mit Eden Golan keinen Kontakt und keine Kommunikation wünschen. Doch was bitteschön hat es mit Kritik am Handeln der israelischen Regierung zu tun, wenn man sich, wie der Niederländer Joost Klein, bei der Siegerpressekonferenz im zweiten Halbfinale die Flagge über den Kopf zieht und patzige Kommentare von sich gibt, oder wie die Griechin Marina Satti demonstrativ gähnt und sich schlafend stellt, während Eden Golan sich den Fragen der Journalist*innen stellt? Ein Verhalten wie im Kindergarten, das auf der israelischen Seite dazu führte, sich über die fraglichen Künstler*innen in einer Comedy Show lustig zu machen und wohl auch die israelischen Kommentatoren zu entsprechend polarisierenden Bemerkungen bewog.


Keine Gnade vor dem Mob

Dass in dieser angespannten Situation die Nerven mit Joost Klein durchgingen, ist bedauerlich, aber nachvollziehbar. In dieser Gemengelage einen kühlen Kopf zu behalten, dürfte allen schwergefallen sein, und es wird wohl noch Wochen, wenn nicht gar Monate dauern, bis alle Ereignisse vollständig aufgearbeitet sind. Sicher ist allerdings, dass es nicht nur einen Grund für die Eskalation hinter der Bühne gab. Oder vielleicht doch? Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, wenn Joost Klein und Marina Satti und Bambie Thug und wer auch immer zu Eden Golan gegangen wären und gesagt hätten: „Hör mal, ich finde es furchtbar, was da gerade bei euch passiert, aber du bist deswegen nicht meine Feindin. Wenn du magst, lass uns darüber reden.“ Vor dem wütenden Mob hätten sie wohl keine Gnade gefunden. Aber sie hätten sich nichts vorzuwerfen gehabt.

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1 comentário


Danke für den sehr differenzierten und abgewogenen Artikel. Kunst wird immer politisch sein und ist ein Teil unseres Rechts der freien Meinungsäußerung. Hass, Gewalt und Ausgrenzung haben dagegen beim ESC nichts zu suchen.

Curtir
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