Wenn der Regen Erinnerungen weckt: HÖREN! – Hannover Song Contest
- Dr. Eurovision
- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit

Manche Projekte enden mit der letzten Veranstaltung. Andere begleiten einen ein Leben lang. HÖREN! gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie. Deshalb habe ich alle Pressemappen, Programmhefte, Zeitungsartikel, Fotos und Auszeichnungen im Zusammenhang mit dem Hannover Song Contest aufgehoben. Nicht nur aus Nostalgie, sondern weil sie die Geschichte eines außergewöhnlichen Projekts erzählen.
Vor zwei Wochen wurden einige dieser Archivordner bei einem heftigen Starkregen leider nass. Für mich hieß das Ärmel hochkrempeln und Blatt für Blatt auf dem Büroboden zum Trocknen auszubreiten. Dabei fiel mir auch wieder eine Bildercollage in die Hände, die mir die Studierenden von HÖREN! 2010 zum Abschluss des Seminars geschenkt hatten. In der beigefügten Glückwunschkarte stand:
„Danke für ein spannendes Seminar, viel Spaß und tolle Einblicke! Wir haben viel gelernt und ein tolles Event auf die Beine gestellt – dank Ihnen und mit Ihnen.“
Fast zeitgleich erreichte mich die Nachricht eines ehemaligen Auszubildenden der Multimedia BBS, der damals die Kamerabegleitung von HÖREN! koordinierte. Heute führt er gemeinsam mit seiner Frau mehrere Unternehmen. Er schrieb mir:
„Das war damals als Azubi mein absolutes Herzensprojekt. Ich frage mich ehrlich, warum es solche Projekte heute scheinbar gar nicht mehr gibt. Genau solche Erfahrungen haben mich damals enorm geprägt.“
Diese beiden Momente haben mich dazu gebracht, die Geschichte von HÖREN! noch einmal Revue passieren zu lassen.
Alles begann mit einer Seminaridee
Eigentlich entstand HÖREN! in einem Semiar über Musikwettbewerbe, das ich 2008 am IJK halten durfte. Zum Abschluss führten wir unseren eigenen kleinen Song Contest durch – als Listening-Party im Expo-Wal. Das war lustig, aber die Studierenden wollten mehr. "Warum organisieren wir nicht selbst einen Musikwettbewerb?", fragten sie mich. Mir war klar, was für einen Kraftaufwand das bedeutet, aber der Gedanke ließ mich nicht mehr los.
Einige Zeit später durfte ich der Pressekonferenz zur Eröffnung des neuen popinstituts der Hochschule für Musik und Theater Hannover beiwohnen. Im Gespräch mit Kristof Hinz entstand die Idee, den Wunsch der Studierenden mit dem neuen Studiengang Popular Music zu verbinden. Die Idee war ebenso einfach wie ambitioniert: Musikstudierende sollten ihre selbst komponierten Songs präsentieren, während die Studierenden des Instituts für Journalistik und Kommunikationsforschung die komplette Organisation und Öffentlichkeitsarbeit übernehmen. Später kam mit der Multimedia BBS ein weiterer starker Partner hinzu, der die professionelle Kamerabegleitung realisierte.
Lernen unter echten Bedingungen

Heute würde man bei HÖREN! wahrscheinlich von projektbasiertem Lernen sprechen.
Damals war es für uns vor allem eines: die Überzeugung, dass Studierende am meisten lernen, wenn sie echte Verantwortung übernehmen. HÖREN! bedeutete, berufliche Praxis zu leben. Es gab Künstler:innen mit unterschiedlichen Kommunikationskulturen (was die IJK-Studierenden oft zur Verzweiflung trieb), Sponsoren mit Wünschen, Journalistinnen und Journalisten mit Deadlines, Jurymitglieder, Veranstaltungstechnik, Marketing, Pressekonferenzen und ein Publikum, das eine professionell organisierte Show erwartete.
Die Studierenden entwickelten den Namen HÖREN!, gestalteten das Corporate Design, organisierten Pressekonferenzen, produzierten Pressemappen, warben Sponsoren an, planten den Ablauf und begleiteten die Künstler. Gleichzeitig arbeiteten die Musiker:innen monatelang an ihren Kompositionen und deren Präsentation. Denn HÖREN! war kein beliebiger Bandcontest, sondern ein Wettbewerb, bei dem die Kompositionen im Mittelpunkt standen.

Ein Projekt wächst
Was als Lehrveranstaltung begann, entwickelte sich überraschend schnell zu einer festen Größe im hannoverschen Kulturleben. Schon die erste Ausgabe 2009 im Musikzentrum war in kürzester Zeit ausverkauft. Eine halbe Stunde vor dem offiziellen Einlass lief mir einer der Studierenden entgegen und sagte aufgeregt: "Wir müssen die Leute reinlassen, die stehen jetzt schon bis an die Straße" – was beim Musikzentrum mehrere Hundert Meter bedeutet.
Es folgten drei weitere ebenfalls ausverkaufte Veranstaltungen im Pavillon. Über tausend Besucherinnen und Besucher feierten die jungen Musiker:innen ebenso wie die organisatorischen Leistungen der Studierenden. Auch die Resonanz aus der Musikbranche war außergewöhnlich. Peter Urban sprach von einer „großartigen Veranstaltung“, Sony Music bescheinigte HÖREN! eine erfolgreiche Zukunft, und 2011 wurde das Projekt sogar als „Ausgewählter Ort im Land der Ideen“ ausgezeichnet.
Noch wichtiger als diese Auszeichnungen waren jedoch die Menschen. Viele ehemalige Teilnehmer:innen arbeiten heute erfolgreich in Medien, Kultur, Kommunikation oder im eigenen Unternehmen. Immer wieder begegne ich ihnen – oft viele Jahre später – und erfahre, welche Bedeutung HÖREN! für ihren beruflichen Weg hatte.
Warum HÖREN! endete

Mit jedem Jahr wurde HÖREN! größer – und damit auch aufwendiger. Während wir Erfahrungen und Best Practices sammelten, die an nachfolgende Generationen von Studierenden weitergegeben werden konnten, musste die Finanzierung Jahr für Jahr immer wieder von null auf neu organisiert werden. Ein erheblicher Teil der Energie, die eigentlich in die Betreuung der Musiker:innen und die Weiterentwicklung des Projekts fließen sollte, wurde dadurch gebunden. Gleichzeitig stiegen mit der Einbindung weiterer Partner wie der Hochschule Hannover die organisatorischen Anforderungen.
Mir wurde irgendwann klar, dass ein Projekt dieser Größenordnung eine verlässliche institutionelle Grundlage braucht. Als sich diese Perspektive nicht abzeichnete, entschloss ich mich schweren Herzens, HÖREN! nach 2012 nicht weiterzuführen – auch zum Schutz der Studierenden. Bis heute halte ich das für die richtige Entscheidung, auch wenn sie mir alles andere als leichtgefallen ist.
Warum die Videos jetzt online gehen
Als ich die durchnässten Pressemappen und Zeitungsartikel trocknete, wurde mir bewusst, wie vergänglich selbst sorgfältig aufbewahrte Erinnerungen sein können.
Die Papierdokumente ließen sich retten, doch was wäre, wenn auch die Videoaufzeichnungen eines Tages verloren gingen?
Deshalb habe ich beschlossen, die Mitschnitte von HÖREN! nach und nach auf YouTube zu veröffentlichen. Nicht, weil ich in Erinnerungen schwelgen möchte, sondern weil diese Aufnahmen dokumentieren, was möglich ist, wenn Studierende Vertrauen, Verantwortung und kreative Freiräume erhalten. Vielleicht entdecken ehemalige Mitwirkende dabei ein Stück ihrer eigenen Geschichte wieder. Und vielleicht lernen junge Musiker:innen eine Veranstaltung kennen, die lange vor TikTok und Instagram bewiesen hat, dass man mit Leidenschaft und Teamgeist Menschen ganz ohne die Unterstützung fremdbestimmter Algorithmen erreichen kann.
HÖREN! erinnert uns daran, dass die wertvollsten Projekte nicht unbedingt diejenigen sind, die am längsten bestehen, sondern diejenigen, die Menschen nachhaltig prägen.
Denn genau das scheint HÖREN! gelungen zu sein. Und das ist rückblickend wohl die schönste Auszeichnung, die man sich wünschen kann.

